Archiv für September 2005

Die Pressefreiheit stirbt langsam

Mittwoch, 28. September 2005

Gestern beschäftigte sich das ZDF-Fernsehenmagazin “Frontal 21″ mit den jüngsten Vorfällen von Pressezensur durch staatliche Behörden in Deutschland. Thematisiert wurde insbesondere der Fall der Zeitschrift “Cicero” und dessen Mitarbeiter Bruno Schirra, über den wir bereits berichteten. Im ZDF heißt es “… der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg warnt vor einer Beschädigung der Pressefreiheit in Deutschland und fordert den Schutz von Informanten. Es gebe zunehmend Versuche, die Pressefreiheit einzuschränken, indem Telefone von Journalisten überwacht und Redaktionsräume durchsucht werden. Der staatliche Druck auf Journalisten und Informanten werde größer. “Die Pressefreiheit stirbt immer ganz langsam“. Weischenberg zufolge häufen sich gerade solche Fälle von Durchsuchungen, bei denen undichte Stellen in den Behörden, also die Informanten, aufgedeckt werden sollen. “Auf diese Weise werden Journalisten zu Handlangern der Behörden”, sagt er. “Und dagegen muss man sich wirklich zur Wehr setzen!!”

Schilly schlägt zurück

Dienstag, 27. September 2005

Innenminister Schilly bekräftigte auf dem aktuellen Kongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger die Vorgehensweise im Fall “Cicero”, über den wir bereits im September 2005 berichteten. Mit den Worten “Weder die Verfassung noch die Gesetze kennen eine Freizeichnung des Journalisten von den Gesetzen. Und das gelte vor allem für solche Pressevertreter die Beilhilfe zum Geheimnisverrat leisten”.” Am Montag, den 12. September 2005 durchsuchten Staatsanwalt und Polizeibeamte die Redaktionsräume von “Cicero” und die Privatwohnung eines Ihrer Mitarbeiter, Bruno Schirra. Der hatte in einem im April 2005 erschienen Artikel im Magazin “Cicero” nachrichtendienstliche Quellen zitiert und sich nach Ansicht staatlicher Gesetzeshüter somit des Geheimnisverrates schuldig gemacht. Die taz schreibt dazu: Die Aktion, laut Spiegel selbst von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm als “Angriff auf die Pressefreiheit” gebrandmarkt, trifft nicht nur weiterhin Schilys ungeteilte Zustimmung: “Es wäre ein großer Denkfehler, das als Beschneidung der Pressefreiheit zu sehen.” Denn die “Wächterfunktion der Presse” bedeute nun mal nicht, “dass jede geheime staatliche Unterlage weitergegeben werden kann”. Schilly weiter: “Wir lassen uns nicht das Recht des Staates nehmen, seine Gesetze durchzusetzen.”

Nicht für Kinder & Jugendliche

Montag, 26. September 2005

Wir berichteten bereits im Juli 2005 über die Indizierung von Tonträgern des Berliner Labels Aggro durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Ende September geht die Sache in eine neue Runde: wie das Branchenportal Musikwoche berichtete, landeten mittlerweile weitere Tittel der Hip-Hop-Schmiede auf dem Index. Die Werke Maske” von Sido und “Vom Bordstein bis zur Skyline” von Bushido, sowie der Label-Sampler Aggro Ansage Nr. 4” dürfen nicht an Kinder und Jugendlcihe unter 18 Jahren verkauft werden. Weiterhin ist es untersagt, die Tonträger offen zu bewerben und im Versandhandel anzubieten. Indizierungen wirken sich nicht selten einerseits bekanntheitsfördernd aus, andererseits entstehen durch den Handel unterm Ladentisch weniger Umsätze als bei einem öffentlichen Verkauf. Die Indizierung ist ab 30.9.2005 rechtskräftig.

Blutiges Theater

Freitag, 23. September 2005

Heftige Proteste der Zuschauer haben dazu geführt, dass ein Bühnenbild des provokanten Künstlers Hermann Nitsch mit sofortiger Wirkung aus der Staatsoper in Wien entfernt wurde. Nitsch, der bereits mehrfach mit ungewöhnlichen Aktionen und Ausstellungen bspw. mit gebrauchten Damenbinden auffiel, sprach von einem Akt der Zensur. Nach der Vorstellung eines Diaghilew-Abends am 11. September 2005 quittierten das Publikum mit lauten Buh-Rufen das Bühnenbild dieser Aufführung. Die Ballettdirektion unter Gyula Harangozo beschloß daraufhin sich von Hermann Nitschs Bühnenbild zu “Le Renard” zu verabschieden. Nitsch entgegnete diesem Eingriff in sein künstlerisches Schaffen mit den Worten “”Ich frage mich, was man eigentlich von Theater erwartet, doch nicht Gemütlichkeit und Langeweile. Theater muss betreffen, aufwühlen, Katharsis bewirken! Sehr wohl soll unter Umständen im Theater Zuschauern übel werden. Das gehört zum Wesen des Theaters”

Pornofilm auf dem Oktoberfest

Donnerstag, 22. September 2005

In der bayerischen Landeshauptstadt München kam es zu einem pikanten Zwischenfall. Die Polizei hat heute auf dem Oktoberfest die Produktion eines Pornostreifens gestoppt. Ein 25-jähriger und 30-jähriger Mann fotografierten und filmten eine 21-jährige Krankenschwester, während sie sich in einer Riesenradgondel mit einem Sexspielzeug selbst befriedigte. Umstehnde Touristen fanden das jedoch gar nicht amüsant und riefen die Ordnungshüter herbei, die anschließend die 3 Beteiligten verhaftete und nach der Beschlagnahmung der technischen Geräte wieder auf freien Fuß setzte. Die Ergebnisse der Arbeit werden daher nicht zu einer Veröffentlichung gelangen.

Zensur als Marketingfälschung

Donnerstag, 22. September 2005

Das Informationsportal für Computerspiele 4players.de veröffentlichte heute einen Bericht über Zensurmaßnahmen der Regierung des afrikanischen Landes Mauranien, die im PC-Spiel “Paradise” ihr Land in einem schlechten Licht dargestellt sehen. Der Hersteller des Spiels Micro Application hat diesbezüglich einen Brief des Kulturattachés des Landes erhalten. Daraufhin wehrte sich der Spielehersteller mit einer Pressemitteilung in der es heißt: “Das Team von Micro Applications hat das Schreiben des Kulturattachés umgehend an die UNO, Joschka Fischer und die Titanic weitergeleitet. Außerdem hat man mit der mauranischen Botschaft in Deutschland Kontakt aufgenommen und darauf hingewiesen, dass das Unternehmen keinesfalls bereit ist, Druck von außen und Zensur zu akzeptieren. Das Spiel Paradise wird daher wie vorgesehen Anfang 2006 erscheinen.”

Soweit so gut. Der Redaktion des Zensurblogs recherchierte etwas genauer und stellte schnell fest, das es sich bei dieser “Zensuraktion” um eine Fälschung handelt. Weder das Land Mauranien existiert, noch ist der auf einigen Internetseiten abgedruckte Brief des Kulturattachés echt. Es handelt sich lediglich um eine Marketingaktion, die das Computerspiel bekannt machen und erfolgreich vermarkten soll. Dennoch findet sich der Bericht ungeprüft und ohne Hinweis auf eine Fälschung über das vermeintliche Spieleverbot auf diversen Nachrichtenseiten im Internet…

Die Zensur ist der falsche Weg

Mittwoch, 21. September 2005

Ob Eminem oder Marilyn Manson, während einer Tagung zum Thema Musik und Jugendgewalt in Gronau warnte Prof. Wilfried Breyvogel von der Universität Duisburg-Essen die Öffentlichkeit vor einer übertrieben Bewertung von Gewaltinhalten in Musikstücken. Mit Verboten und zensorischen Einschnitten von aggressiven, gewaltverherrlichenden Texten könne man dieser Musik nicht begegnen. Laut Breyvogel sei es “wichtiger, dass sich Lehrer und Erzieher intensiv mit umstrittenen Titeln auseinandersetzen, um dieSymbolik hinter den Texten zu verstehen.” Vor allem in Großstädten seien die heutigen Lebensumstände von Jugendlichen komplex und zum Teil aggressiv. «HipHop zum Beispiel ist eine teilweise sehr gelungene Form, um diese Erfahrungen aufzugreifen und zu verarbeiten», erklärte Breyvogel. “Dass Musik mit Themen wie Prostitution, Sexualität oder Gewalt provozieren will, kennen wir seit Jahrzehnten.” Das Problem liege darin, dass Erwachsene die Inhalte wörtlich nehmen. Hier gibt es eine Broschüre zur Tagung…

Indiziertes Album der Ärzte

Dienstag, 20. September 2005

Am 21. Oktober dieses Jahres ist es soweit: das 1984er indizierte Album “Debil” der Berliner Musikband Die Ärzte erscheint in einer Neuauflage unter dem Titel “Devil”. 3 Jahre nach Ersterscheinung, im Jahr 1987, entschied sich die Bundesprüfstelle, das Album in das Verzeichnis der jugendgefährdenden Medien aufzunehmen. Grund waren unter anderem Tittel wie “Claudia hat ´nen Schäferhund” und das berüchtigte “Schlaflied”. Nach damaliger Auffassung waren die Texte der Songs geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren. Hier kann man den Tonträger vorbestellen.

Jahrestagung der Prüfstelle

Montag, 19. September 2005

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hält in der Zeit vom 22.9. bis 23.9. 2005 ihre diesjährige Jahrestagung in Hannover ab. Die Behörde hat sich u. a. zum Ziel gesetzt “jugendgefährdende Medien auf Antrag von Jugendministerien und -ämtern und der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) bzw. auf Anregung anderer Behörden und aller anerkannten Träger der freien Jugendhilfe strafbewehrten Verboten zu unterwerfen, damit sie nur noch Erwachsenen, nicht aber Kindern oder Jugendlichen zugänglich sind.” Damit ist die BPjM in entsprechende Indizierungsverfahren involviert, die uneingeschränkte Altersfreigaben, eingeschränkte Altersfreigaben oder gar Verbote aussprechen. Die teilnehmeroffenen Veranstaltungen der diesjährigen Jahrestagung beschäftigen sich u. a. mit Fragen der Filterung von indizierten Internetangeboten, die Indizierungspraxis und ihre Umsetzung, Bewertung von Musikvideos. So gesehen ist der BPjM auch zukünftig an Zensurmöglichkeiten insbesondere in den neuen Medien stark interssiert.

Nur für Erwachsene

Sonntag, 18. September 2005

Cover der Scorpions: oben die unzensierte unten die später zensierte Version.

Die Stiftung Saarlänischer Kulturbesitz veranstaltet unter dem Motto “Nur für Erwachsene” im Deutschen Zeitungsmuseum noch bis zum 30. Oktober 2005 eine Ausstellung mit zensierten oder verbotenen Plattencovern. Die Vernissage vermittelt einen bleibenden Eindurck dessen, was in fast 50 Jahren nicht veröffentlicht werden durfte. Neben staatlichen oder kirchlichen Verboten werden auch Verbotsandrohungen und Formen der Selbstzensur dokumentiert. Im Blickpunkt steht dabei ins besondere die Bundesrepublik aber auch internationale Fälle der Zensur. Die Ausstellung dokumentiert den seitdem stattfindenden Wertewandel in der Gesellschaft äußerst anschaulich. Beispiele mit zensierten bzw. verbotenen Covern bietet Bild in einer Galerie im Internet.