Auf die Spitze getrieben

Rammsteins Nr. 1 Album wurde indiziert

Rammsteins Nr. 1 Album wurde indiziert

Dr. Seim, Zensurforscher und Projektleiter des “Museum für Kunst- und Pressfreiheit” zum Rammstein-Fall:

Von der Chartspitze zum Platz auf dem Index:

Auf der einen Seite möchte man den um Skandale bemühten Tabubrechern “Rammstein”, die angefangen von ihrer Namensgebung (Flugzeugunglück) über Nazi-Ästhetik („Stripped“, 1993), einem offenbar tote Embryo auf dem LP-Cover („Mutter“) bis hin zu Kannibalismus („Du riechst so gut“), Masturbation („Keine Lust“) und nun eben SM („Ich tu dir weh“) alles an Sex, Gewalt und schlechter Laune aufgefahren haben, um verkaufsfördend in die Schlagzeilen zu kommen, zurufen: Glückwunsch, endlich hat’s mal mit einer amtlichen Provokationsbeglaubigung geklappt.

Auf ihrer Website schreiben sie: „Mit Vollgas auf der Autobahn der deutschen Klischees: Bratwurst, Blitzkrieg, Benz.“ Für ihre Ironiekompetenz waren die Bundesprüfer noch nie bekannt, die auch „American Psycho“ fünf Jahren auf dem Index ließen. Wenn sich Sänger Till Lindemann nun bitterlich über die Indizierung beklagt, so muss man zugeben, dass es eine bemerkenswerte und meines Wissens einmalige Entscheidung der Bundesprüfstelle ist, ein Nr. 1-Album auf den Index zu setzen. Dort finden sich unter den rund 1.000 indizierten Tonträgern sonst vorwiegend Nazi-Rock, Heavy Metal-Alben der 80er und deutsche Porno-Rapper. Ähnlich wie Aggro Berlin bringt Rammstein nun eine „entschärfte“ Version ihres Albums heraus, das auch bei amazon.de erhältlich ist. Dort wird dann der inkriminierte Song und eines der altmeisterlich inszenierten Fotos fehlen, das einen Mann zeigt, der sich anschickt, einer unbekleideten Frau auf den Hintern zu schlagen (während die „Zerstückelungsmotive“ auf der Coverrückseite offenbar unbehelligt blieben).

Auf der anderen Seite geht es einmal mehr um die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung, die hinter einem vermeintlichen Jugendschutzansinnen zurückstehen muss. Damit steht Rammstein in einer langen Reihe von Musikern von Elvis über die Beatles, Frank Zappa bis hin zu all den Rappern, die in der Rockmusikgeschichte Ärger mit staatlichen Institutionen (um nicht zu sagen Zensoren) bekommen haben. Viele der Klassiker wie z.B. „Virgin Killer“ der „Scorpions“ oder die frühen Alben der „Ärzte“ haben Josef Spiegel und ich in unserem Buch „Nur für Erwachsene“ dokumentiert.

Angesichts von deutlich heftigeren, aber ungeschorenen Inhalten in unseren „oversexten“ Medien erscheinen viele dieser Entscheidungen willkürlich. Jeder zweite meiner 250 Satellitenprogramme zeigt ähnlich Bizarres wie Rammstein. Die Sinnlosigkeit dieses bundesdeutschen Verwaltungsaktes mit Dauerwirkung wird in Zeiten digitaler Globalisierung um so deutlicher, wenn man deren Wirkung gegen den PR-Effekt und die Möglichkeit des Downloads in Internet-Tauschbörsen oder Bestellens z.B. über amazon.com abwägt. Auch Anbieter wie iTunes, mp3.com, ciiju etc. können nicht alle Inhalte überprüfen. Allein bei Youtube habe ich gestern 120 Clips des inkriminierten Songs gefunden.

Dies zeigt aber auch, dass wir noch nicht in einer zensierten Mediendemokratie leben. Denn wollen wir wirklich, dass christlich-konservative Animositäten gegenüber devianten Sexpraktiken, wie sie Ursula von der Leyen und die BPjM einmal mehr vorgeführt haben, zum Maßstab einer gerade im Entstehen befindlichen Internetzensur-Infrastruktur werden, bei der nicht nur Behörden wie BKA, BND, KJM, jugendschutz.net und der Verfassungsschutz, sondern auch berufsbesorgte Bewahrpädagogen im Namen von Jugendschutz und Kampf gegen Kinderpornographie im Zweifel den Stecker ziehen können. Schon jetzt sind ca. 2.000 Websites auf dem nicht öffentlichen Index und werden von Suchmaschinen nicht angezeigt. Der aktuelle Fall Rammstein zeigt, wie schwierig es ist, belastbare Grenzen festzulegen. Vielleicht wäre es Zeit für die Gründung einer FSK (Freiwilligen Selbstkontrolle) der Musikindustrie, um Willkür und Rechtsunsicherheiten zu minimieren.

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