Als Kurt Demmler fort ging

Kurt Demmler starb am 3.2.2009

Kurt Demmler starb am 3.2.2009

Am 3. Februar 2009 fand man Kurt Demmler erhängt in seiner Zelle. Ein Mann, der mit seinem Tod nicht nur ein großes Stück deutsche Kulturgeschichte hinterläßt, sondern wohl auch mehr als 200 Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch.

Als Liedermacher und Texter verfasste Demmler tausende Songs für unzählige Künstler der DDR, darunter für so bekannte Größen wie Karat, Puhdys oder Nina Hagen. Keiner soll es besser verstand haben, die engen Grenzen der DDR-Kulturpolitik in Bezug auf zensorische Vorgaben zu umschiffen, als Kurt Demmler.

Vieles konnten DDR-Künstler nicht direkt zum Ausdruck bringen, wollte sie nicht das Verbot eines Stückes oder gar ein komplettes Auftrittsverbot riskieren. So ist es ein typisches Merkmal vieler ostdeutscher Lieder, die vor der Wende entstanden, dass ihre eigentliche Botschaft nicht unmittelbar, sondern zwischen den Zeilen transportiert wurde.

Demmler-Lieder wie “Als ich fortging”, das in der Ausreisewelle Ende der 1980er Jahre geschrieben wurde, könnte man als Liebeslied voller Melancholie oder eben als Hymne an den Trennungsschmerz sehen, den viele Ostdeutsche erlebten, als sie ihrer Heimat für immer den Rücken kehrten und in die Bundesrepublik ausreisten. Die Ostdeutschen wußte jedenfalls was Sache war, hörten sie Demmlers Texte.

Im Laufe der Jahre wurde Demmler für viele Ost-Bands unverzichtbarer Dolmetscher riskanter Texte in vermeintlich “ungefährliche” Versionen. Der “Blaue Elefant” war dabei ein beliebtes Verfahren: In die Liedtexte baute Demmler bewußt einen grobe Verstoß gegen die Zensurauflagen ein. Den “Blauen Elefanten” haben die Zensoren natürlich sofort erkannt und beanstandet. Die eigentlich gefährlichen Stellen haben sie durch dieses geniale Ablenkungsmanöver dann meist übersehen. So funktioniert Meinungsfreiheit in einer Diktatur.

Demmler selbst wurde zu einem Meister der lyrischen Verschlüsselung, ein Experte für Tarnungen. Und das konnte er so gut, dass selbst die DDR-Oberen keinen Wind von der Sache bekamen und Demmler mit dem Nationalpreis dekorierten.

Kurt Demmler wußte scheinbar auch eine andere Sache zu verbergen: Bis zu seinem Freitod Anfang Februar 2009 stand er unter der Anklage, mehr als 200 Übergriffe an Minderjährigen begangen zu haben. Jetzt interpretieren manche sein 1968 verfassten Text “Noch nicht Sechszehn” bereits als erstes Alarmzeichen und heutiges Beweismittel. Das Verfahren wurde nunmehr eingestellt, eine entgültige Beweisführung wird wohl niemals erfolgen können. Was bleibt ist ein Mensch, der uns Widersprüche hinterläßt. Seine künstlerische Hinterlassenschaft ist einzigartig, seine seelisch-moralische möglicherweise auch.

1 Kommentar zu „Als Kurt Demmler fort ging“

  1. malcom z. sagt:

    wer immer hinter dieser site steckt: wenn Ihr schon, wenn ich es richtig verstehe, gegen zensur und für (tatschächliche) pressefreiheit seid: Ihr kolportiert letztlich auch nur, was bild & co. vorgeben. kurt demmler ist unschuldig gestorben, rechtlich. er wurde nicht in einem fairen verfahren irgend welcher straftaten überführt. seine selbstötung hat einem unfairen verfahren ein ende gesetzt, in welchem er mit mindestens 150%iger sicherheit rechtwidrig verurteilt worden wäre. niemand durfte ihm öffentlich oder nichtöffentlich beistehn, seine lage war aussichtsvoll wie die eines deutschen juden 1933 oder 35, dem man ein denunzierendes pappschild umgehängt hat; viele haben sich umgebracht, weil sie das auf dauer nicht ausgehalten haben - wo wäre der unterschied? “als ich fortging” hat übrigens einen anderen textautor, besser: eine autorin. woran man sieht: zuweilen kann zensur auch positiv sein. die “abschließende beweisführung” liegt entgegen Eurer (von super-blödi & co. übernommenen?) behauptung vor. m.

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